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26.02.2026

Zweierlei Maß beim Ruf nach dem Markt

Erneuerbare werden heute als Kostenproblem dargestellt. Dabei werden fossile Energien seit Jahrzehnten politisch abgesichert – mit Risiken, die wir bis heute tragen und bezahlen.

Der neue energiepolitische Realismus klingt schlicht: Schluss mit der Sonderbehandlung. Der Markt soll entscheiden. Erneuerbare müssten sich endlich allein behaupten. In dieser Erzählung erscheinen sie als künstlich gestütztes Projekt, das sich der Staat nicht länger leisten könne.

Das klingt nach marktwirtschaftlicher Nüchternheit. Tatsächlich beruht es auf einer bequemen Auslassung. Denn fossile Energie wurde über Jahrzehnte als strategische Infrastruktur behandelt – in Export- wie in Importländern. Staatliche Garantien, regulierte Netze, langfristige Lieferverträge und diplomatische Flankierung senkten Finanzierungshürden und verteilten Risiken. Solche Projekte galten und gelten noch heute als relevant für die Versorgungssicherheit. Entsprechend wurde kein Aufwand gescheut. Wer heute Marktneutralität fordert, ignoriert diese Geschichte – oder möchte bewusst einen anderen Maßstab setzen.

So wird neuerdings auch von ungewohnter Seite soziale Gerechtigkeit bemüht: Von Solarförderung beispielsweise profitierten vor allem vergleichsweise wohlhabende Hauseigentümer, so der Vorwurf. Gewiss, soziale Schieflagen bei Förderkulissen müssen dringend ausgeräumt werden. Bemerkenswert ist jedoch, mit welcher Dringlichkeit soziale Gerechtigkeit ausgerechnet in der Debatte um die Förderung erneuerbarer Energien bemüht wird – deutlich weniger hingegen, wenn es um die jahrzehntelangen Überrenditen fossiler Konzerne geht. Im Gegenteil: Diese Profite gelten häufig als Beleg eines soliden Geschäftsmodells und als Ergebnis ehrlicher Arbeit – pardon, Investition. 

Fossile Projekte erscheinen wettbewerbsfähig, weil ihre Risiken kollektiv abgefedert wurden – von den externen Kosten wie Extremwetter und Luftverschmutzung einmal ganz zu schweigen. Wo Risiken sozialisiert werden, sinkt naturgemäß die Investitionsschwelle. Dass trotz Warnungen vor „stranded assets“ – also vor Investitionen, die durch Klimapolitik oder Marktveränderungen vorzeitig an Wert verlieren – weiter in fossile Infrastruktur investiert wird, ist deshalb weniger irrational, als es wirken mag. Das Finanzsystem belohnt kurzfristige Rendite – und verteilt langfristige Risiken. In Phasen hoher Preise lassen sich mit Öl und Gas schnell zweistellige Renditen erzielen. Viele Finanzierer denken in Zeiträumen von drei bis fünf Jahren, nicht von dreißig. Liefert ein Projekt in dieser Spanne stabile Cashflows, erscheint ein späterer Wertverlust beherrschbar – oder delegierbar. 

Hinzu kommt die Strukturierung von Risiken. Banken verdienen an Gebühren und reichen Risiken weiter – an Investoren, Fonds oder öffentliche Akteure. Staatliche Garantien und Exportkredite senken die Hürden zusätzlich. Öffentliche Instrumente mobilisieren privates Kapital – nicht umgekehrt.

Ein weiterer Einwand lautet: Die Modernisierung der Energieinfrastruktur, die es für ein auf Erneuerbare basierendes System braucht, sei schlicht zu teuer. Netze, Speicher, Flexibilitätsoptionen – das koste Milliarden. Sicher, der Investitionsbedarf ist immens. Und auch sicher, fossile Infrastruktur existiert dagegen bereits – oft abgeschrieben, über Jahrzehnte refinanziert und politisch abgesichert. Die Kosten der Vergangenheit erscheinen deshalb nicht mehr als Kosten. Doch kann die bloße Existenz alter Infrastruktur ein Argument sein, an ihr festzuhalten? Mit derselben Logik hätte man nie in neue Telekommunikationsnetze, neue Verkehrssysteme oder neue industrielle Technologien investiert. 

Erneuerbare verändern die Logik des Systems. Sie erfordern hohe Anfangsinvestitionen und liefern danach berechenbare, aber in aller Regel eher moderate Erträge. Sie produzieren keine spekulativen Preisspitzen wie Öl- und Gasprojekte in Boomzeiten oder bei Unterbrechungen in den wenigen Förderregionen. Erneuerbare sind zudem dezentraler, kleinteiliger, regulatorisch anspruchsvoller. Das macht sie komplexer in der Umsetzung – aber deswegen nicht ökonomisch minderwertig.

Denn die Erneuerbaren sind bei neuen Anlagen längst wettbewerbsfähig; der rapide Ausbau der Speicher infolge sinkender Kosten und technischen Fortschritts verstärkt diesen Trend. Die eigentliche Kostendebatte dreht sich daher meist nicht mehr um einzelne Technologien, sondern wie geschildert um das Gesamtsystem: Netze, Speicher, industrielle Umstellungen. Das aber sind Investitionen nicht nur in Energie, sondern auch in Resilienz und Souveränität.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der Staat eingreifen sollte. Er greift ein – seit jeher. Die Frage ist, in welche Richtung er Risiken verteilt und welche Technologien weiterhin als strategisch gelten. Wer fordert, Erneuerbare müssten sich ohne vergleichbare Rahmensetzung behaupten, plädiert nicht für Marktneutralität. Er plädiert für die Fortsetzung einer bestehenden Asymmetrie.

Und schließlich greift die reine Kostendebatte auch geopolitisch zu kurz. Europa ist bei fossilen Energieträgern hochgradig importabhängig. Viele Lieferanten sind politisch gelinde gesagt schwierig. Abhängigkeit schafft Verwundbarkeit – sie eröffnet Spielräume für Erpressung und politische Einflussnahme. Die Erfahrungen mit Russland haben gezeigt, wie schnell Energie zur geopolitischen Waffe werden kann. Auch die jüngsten handelspolitischen Turbulenzen in den USA verdeutlichen, wie stark politische Entscheidungen Märkte verschieben können. 

Diese Form struktureller Abhängigkeit kann Europa sich strategisch nicht länger leisten. Die Frage lautet daher nicht nur, was Energie in der Erzeugung tatsächlich kostet – sondern was uns Verwundbarkeit kostet. Wer heute den Markt beschwört, sollte auch die Risiken fossiler Energie ehrlich bilanzieren. Denn diese Rechnung fällt anders aus.

Blog von Claudia Detsch, Direktorin, FES Kompetenzzentrum Klima und Soziale Gerechtigkeit

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