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11.02.2026

Gemeinsam ist man weniger erpressbar

Die Mittelmächte sind nicht dazu verdammt, strategisch verwundbar und abhängig von den globalen Mächten zu sein. Gemeinsam können sie ein eigene Macht werden.

Selten wurde ein Regierungschef für eine Rede so gefeiert. Selten war eine Rede aber auch so nötig wie die des kanadischen Premierministers. Mark Carney hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos etwas getan, was in der aktuellen Debatte selten geworden ist: Er hat Präsident Trump offen widersprochen – und dabei eine grundsätzliche Frage aufgeworfen. Wie können offene Volkswirtschaften handlungsfähig bleiben, wenn wirtschaftliche Machtpolitik zur Normalität wird?

Europa ist unter Druck – im Handel, bei Energie, bei Rohstoffen und in Schlüsselindustrien. Zölle, Exportkontrollen, informelle Boykotte und der gezielte Zugriff auf Lieferketten sind längst kein Ausnahmefall mehr. Sie sind Teil geopolitischer Normalität.

Die Hoffnung, diese Entwicklung schlicht mit Bekenntnissen zum Multilateralismus einhegen zu können, trägt nicht mehr. Globale Regeln verlieren an Durchsetzungskraft. Multilaterale Foren schaffen weiterhin Legitimität, aber immer seltener Verbindlichkeit. Während Gremien beraten, werden anderswo Fakten geschaffen. Wirkung entfaltet internationale Zusammenarbeit heute weniger über neue Regeln als über die Fähigkeit, Maßnahmen abzustimmen und wirtschaftliche Risiken gemeinsam zu tragen.

Für Europa ist diese Erkenntnis unbequem, aber unausweichlich. Denn die Frage ist ja nicht, ob wirtschaftliche Machtpolitik zunimmt. Wer wollte das bezweifeln dieser Tage. Die Frage ist, ob Europa gemeinsam mit Partnern reagieren kann – oder ob weiterhin jeder einzeln unter Druck gerät. Genau hier setzt die von Carney global öffentlichkeitswirksam entfachte Debatte über eine Zusammenarbeit der Mittelmächte an.

Gemeint ist kein neuer fester Block, sondern eine engere Kooperation hochindustrialisierter Demokratien: prominent genannt werden hier meist die EU, Kanada, Japan, Südkorea, Australien und das Vereinigte Königreich. Diese Länder eint mehr als politische Werte. Sie teilen eine ähnliche strategische Ausgangslage: wirtschaftlich offen, technologisch hochentwickelt, sicherheitspolitisch eng mit den USA verflochten – und zugleich zunehmend verwundbar gegenüber wirtschaftlichem Druck von außen.

Die gemeinsame Ausgangslage dieser Länder erklärt, warum die Debatte an Fahrt gewinnt. Gegenüber den USA sind sie allesamt exponiert. Trumps wiederholte Zolldrohungen, die Bereitschaft zu einseitigen Maßnahmen und der instrumentelle Einsatz von Marktmacht treffen nicht nur traditionelle Rivalen, sondern auch – und gerade - bisherige Partner. Kanada, die EU, Japan, Südkorea und das Vereinigte Königreich haben allesamt zuletzt mehrfach erfahren, wie schnell wirtschaftliche Beziehungen politisiert werden. Selbst als einst enge Verbündete sind sie nicht vor Druck, Sonderzöllen oder der Androhung extraterritorialer Maßnahmen gefeit.

Gleichzeitig wächst auch die Abhängigkeit von China – als Absatzmarkt, aber besonders als marktbeherrschender Lieferant von Schlüsselkomponenten. Die Dominanz Pekings bei Seltenen Erden, Batterierohstoffen oder bestimmten Industrievorprodukten ist strukturell angelegt; sie kann jederzeit politisch genutzt werden. Für offene Volkswirtschaften wie die EU, Japan, Korea, Australien, Kanada oder das Vereinigte Königreich entsteht daraus eine doppelte Verwundbarkeit: gegenüber US-amerikanischer Unberechenbarkeit ebenso wie gegenüber chinesischer Marktmacht.

Eine engere Zusammenarbeit zwischen ihnen ist entsprechend Ausdruck einer veränderten Realität. Europa wird global nur dann Einfluss entfalten können, wenn es gezielt Koalitionen bildet. Ohne Frage bleibt auch diese flexiblere Form der Zusammenarbeit politisch anspruchsvoll; Interessen gehen auch unter Industrieländern und selbst innerhalb der EU auseinander. Ein tragfähiger Zusammenschluss muss daher widersprüchliche Anforderungen erfüllen: Er muss robust genug sein, um externem Druck standzuhalten – und flexibel genug, um interne Differenzen auszuhalten. Es geht um praktische Zusammenarbeit dort, wo Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit entschieden werden: bei Handel, Schlüsseltechnologien, Standards und dem Schutz vor wirtschaftlichem Druck.

Besonders deutlich wird das Potenzial eines solchen Mittelmächte-Kerns im Clean-Tech-Sektor. Kaum ein anderer Bereich verbindet geopolitische Verwundbarkeit, industrielle Wettbewerbsfähigkeit und strategische Abhängigkeit so unmittelbar. Batterien, Elektrolyseure, Stromnetze, Leistungselektronik oder kritische Rohstoffe sind längst nicht mehr nur Bausteine der Klimapolitik. Sie sind zentral für wirtschaftliche Sicherheit.

Gerade hier zeigt sich aber auch das strukturelle Problem offener Volkswirtschaften. Die Abhängigkeit von China betrifft nicht nur Endprodukte, sondern vor allem strategisch bedeutsame Rohstoffe und Vorprodukte. Gleichzeitig fehlt es den einzelnen Ländern - anders als China - an Marktgröße, um Standards zu setzen oder Investitionen schnell genug hochzufahren. Genau hier könnte ein Mittelmächte-Kern ansetzen: mit gemeinsamen Standards, abgestimmter Förderung, gemeinsamer Beschaffung kritischer Komponenten und der koordinierten Nachfrage von Schlüsseltechnologien. Ganz prominent gewinnt die Bündelung von Nachfrage bei kritischen Rohstoffen an Bedeutung: gemeinsame Beschaffung, Abnahmegarantien und koordinierte Reserven reduzieren die Anfälligkeit für politischen Druck. Das Gleiche gilt für gemeinsame Projektpipelines, koordinierte Instrumente zur Risikoteilung, beschleunigte Zertifizierung für gemeinsam priorisierte Technologien und praktische Schutzmechanismen.

Wer bei Clean Tech gemeinsam investiert, produziert und skaliert, reduziert nicht nur Abhängigkeiten. Er schafft einen Markt, der politischem Druck standhält. Genau darin liegt der strategische Mehrwert eines Mittelmächte-Kerns.

Nicht jeder Partner wird dabei in jedem Bereich in gleichem Maße mitziehen. Entscheidend ist, dass es einige Kernfelder gibt, in denen alle verbindlich kooperieren – und in denen Abweichungen Nachteile durch höhere Verletzlichkeit mit sich bringen. Kooperation muss mit realen Anreizen verbunden sein: Marktzugang, Finanzierung, gemeinsame Projekte. Und sie braucht Krisenmechanismen, die greifen, wenn politischer Druck entsteht – nicht erst, wenn er wirkt.

Eine engere Kooperation zwischen der EU, Kanada, Japan, Südkorea, Australien und dem Vereinigten Königreich wäre kein Ausdruck hegemonialer Ambitionen. Er wäre eine Antwort auf gemeinsame Verwundbarkeiten. Die Alternative ist bekannt – und wenig attraktiv: ad-hoc-Reaktionen, bilaterale Deals unter Druck und eine schleichende Erosion europäischer Handlungsfähigkeit.

Ein Mittelmächte-Kern wäre zudem kein geschlossener Club. Die Zusammenarbeit mit Schwellen- und Entwicklungsländern ist zentral, gerade im Clean-Tech-Sektor. Ihre Ausgangslagen aber sind andere, ihre Prioritäten ebenfalls. Umso wichtiger ist, dass Standards und Kooperationsangebote anschlussfähig sind. Sie setzen sich nicht automatisch durch, sondern müssen überzeugen – im Wettbewerb mit anderen Modellen.

In einer Welt wirtschaftlicher Machtpolitik ist engere Kooperation kein Ideal mehr, sondern Selbstschutz. Europa muss sie entsprechend organisieren – gemeinsam mit Partnern, die im gleichen Boot sitzen und ähnliche Interessen teilen. 

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