News, Events, Publications, Social Media

28.04.2026

Im Fadenkreuz Moskaus / Fake-Grüße aus Moskau

Russland profitiert von Desinformation rund um Energie und Klima gleich mehrfach: Es sichert fossile Einnahmen, schwächt Europa und bietet rechten Akteuren den Schulterschluss.

Desinformation ist längst Teil geopolitischer Machtpolitik. Wo sie zum Einsatz kommt, sollen Gesellschaften gespalten, Vertrauen untergraben und politische Entscheidungen beeinflusst werden. Eine besonders wirksame Arena ist die Klima- und Energiepolitik. Denn hier geht es um Kosten und Lebensstil, um Sicherheit und Wohlstand. Die Debatten verlaufen häufig emotional – das macht das Thema zu einem idealen Einfallstor für Populisten. Entlang dieser Konfliktlinien lassen sich Debatten leicht zuspitzen.

Die Attacken sind entsprechend keineswegs nur auf die üblichen Verdächtigen der fossilen Industrie beschränkt. Das International Panel on the Information Environment (IPIE) zeigt in einer Meta-Analyse von rund 300 Studien, dass Fossilunternehmen, rechtspopulistische Politiker und ausgewählte Staaten maßgeblich rund ums Klima desinformieren. Es braucht keine Dauerbeschallung. Schon kurze Berührungspunkte mit Desinformation reichen aus, um Vertrauen zu untergraben, Zustimmung zu schwächen und Risiken größer erscheinen zu lassen. 

Während der Einsatz dieser taktischen Waffe in den USA zunehmend sichtbar geworden ist, agiert ein zentraler Akteur seit Jahren systematisch im Hintergrund: Russland. Moskau steht an vorderster Front dieses Desinformationsfeldzugs – aus klarem Eigeninteresse. Die Macht der russischen Regierung unter Präsident Putin hängt an Öl und Gas. Es liegt in ihrem Interesse, Europa abhängig vom fossilen Stoff zu halten. Damit werden nicht nur Einnahmen gesichert. Ein wichtiger Hebel für Erpressung wird aufrechterhalten. Wer Lieferungen steuern kann, kann politischen Druck ausüben.

Gleichzeitig lassen sich über das Thema Klima politische Allianzen schmieden. Die Erzählungen greifen ineinander. Klimapolitik wird als Projekt einer abgehobenen Elite dargestellt – urban, in Hauptstädten oder Brüssel verortet, angeblich gegen das „einfache Volk“ gerichtet. So lassen sich bestehende soziale Spannungen gezielt verstärken. Das Ziel ist politische Blockade. 

Dabei entsteht Desinformation nicht zufällig. Sie folgt klaren Mustern und nutzt eingespielte Infrastrukturen. Untersuchungen von EU DisinfoLab zeigen, wie Inhalte zunächst in weniger regulierten Kanälen platziert und anschließend über Netzwerke aus alternativen Medien, sozialen Plattformen und koordinierten Accounts vervielfältigt werden. Inhalte werden in verschiedene Sprachen übersetzt, angepasst und über diverse Plattformen hinweg vervielfältigt. So entsteht der Eindruck einer breiten, organisch gewachsenen Debatte – obwohl viele dieser Inhalte auf dieselben wenige Quellen zurückgehen.

Ein besonders anschauliches Beispiel ist die sogenannte „Doppelgänger“-Kampagne. Dabei werden Webseiten großer Medien täuschend echt kopiert und mit manipulierten Inhalten gefüllt. Diese Inhalte werden anschließend über soziale Netzwerke und koordinierte Accounts verbreitet – teils sogar über bezahlte Anzeigen. Für Leserinnen und Leser sind sie kaum von echten Nachrichten zu unterscheiden. So entstehen scheinbar glaubwürdige Quellen, die gezielt falsche oder verzerrte Informationen verbreiten. Desinformation tritt hier als vermeintlicher Journalismus auf.

Hinzu kommt ein weiteres Muster: Inhalte werden parallel in mehreren Ländern ausgespielt – oft mit nur minimalen Anpassungen. Dieselben Erzählungen tauchen nahezu zeitgleich in verschiedenen Sprachen auf und werden über unterschiedliche Kanäle verbreitet. Was wie eine breite internationale Debatte wirkt, ist in Wirklichkeit das Ergebnis koordinierter Kampagnen.

Verstärkt wird diese Dynamik durch soziale Medien. Polarisierende Inhalte verbreiten sich schneller, werden häufiger geteilt und erreichen so ein größeres Publikum. Sie treffen gezielt auf bestehende gesellschaftliche Konfliktlinien – etwa bei Energiepreisen, Lebenshaltungskosten oder Fragen sozialer Gerechtigkeit. Genau dort entfalten sie ihre größte Wirkung.

Dass diese Dynamik reale Folgen hat, zeigt sich praktisch etwa deutlich beim Ausbau der Windenergie – ohnehin ein beliebtes Angriffsziel für Gegner der Energiewende. Nach Analysen der europäischen Windindustrie – etwa des Branchenverbands WindEurope gemeinsam mit dem Think Tank CASM Technology – zirkulieren in sozialen Medien gezielt gestreute Falschbehauptungen zu angeblichen Gesundheitsrisiken, wirtschaftlichen Schäden oder Umweltfolgen. Diese Meldungen beeinflussen lokale Debatten, sie verzögern Genehmigungsverfahren und in einzelnen Fällen führen sie gar zum Stopp von Projekten. Was als digitale Erzählung beginnt, wirkt sich unmittelbar auf Investitionen und Infrastruktur aus.

Diese Entwicklung ist europaweit zu beobachten. Projekte im Milliardenumfang wurden bereits verzögert oder ganz aufgegeben – häufig im Kontext von Kampagnen, die auf verzerrten oder falschen Darstellungen beruhen. Auch Angriffe auf Anlagen häufen sich. Aus Sicht der Branche wird Desinformation damit zu einer unmittelbaren Gefahr für Energiesicherheit und Investitionsklima in Europa.

Plattformen müssten dem Verband zufolge entsprechend stärker gegen koordinierte Kampagnen vorgehen; dies gilt umso mehr, wenn Hinweise auf organisierte oder ausländische Einflussnahme vorliegen. Gleichzeitig reicht es nicht aus, nur zu reagieren. Es braucht zudem mehr digitale Kompetenz in der Bevölkerung – als Voraussetzung dafür, manipulative Inhalte überhaupt erkennen zu können.

Und auch die Infrastruktur muss künftig wesentlich widerstandsfähiger geplant und umgesetzt werden. Denn anders als klassische Lobbyarbeit beschränkt sich Russland nicht nur auf Kommunikation. Desinformation ist vielmehr Teil eines hybriden Werkzeugkastens. Dazu gehören auch Cyberangriffe, Sabotage und gezielte Einflussnahme auf kritische Infrastruktur. Diese Instrumente greifen ineinander.

Besonders deutlich wird das bei der Energieversorgung. Durch Cyberspionage werden gezielt Informationen über kritische Infrastruktur gesammelt. Ein Angriff auf Stromnetze oder Versorgungssysteme – selbst wenn er nur kurzfristig wirkt – hätte unmittelbare Folgen: Ausfälle, Unsicherheit, steigende Preise.

Entscheidend ist jedoch die zweite Welle. Eine solche Krise wird kommunikativ begleitet und verstärkt. Aus einem Versorgungsproblem wird eine Vertrauenskrise. Zweifel an der Stabilität der Energieversorgung verbinden sich mit bestehenden Erzählungen – über angeblich unsichere Erneuerbare, über „gescheiterte“ Klimapolitik, aber auch über einen Staat, der seine zentralen Aufgaben nicht mehr erfüllt.

So entsteht ein Kaskadeneffekt: Technische Störung, wirtschaftliche Verunsicherung und gezielte Desinformation greifen ineinander. Der Staat erscheint handlungsunfähig, politische Konflikte verschärfen sich, gesellschaftliche Spaltungen vertiefen sich.

Am Ende geht es eben nicht nur um Energie oder Klimapolitik. Es geht um ein Zusammenspiel: Russland liefert die Erzählungen, rechte Akteure greifen sie auf und verstärken sie, fossile Interessen profitieren davon. So entsteht ein Kreislauf, der politische Blockade organisiert.

Zwar sind neben den USA und Russland auch andere Akteure zugunsten fossiler Geschäftsinteressen aktiv. Die Golfstaaten setzen dabei auf PR, wirtschaftliche Verflechtung und politischen Einfluss – etwa zur Förderung von CO₂-Abscheidung oder sogenannten emissionsgeminderten fossilen Energien. Ihr Ansatz folgt jedoch einer anderen Logik. Im Vordergrund steht die Einflussnahme auf politische Prozesse, nicht die systematische Unterwanderung öffentlicher Debatten.

Die Autorin ist Claudia Detsch, Direktorin des Kompetenzzentrums Klima und soziale Gerechtigkeit.

Contact

Friedrich-Ebert-Stiftung Climate and Social Justice

Cours Saint Michel 30e
1040 Brussels, Belgium
+32 23 29 30 33
justclimate(at)fes.de

About us

Team & Contact

Stay in touch!


Publications

Meirkhanova, Aruzhan

Powering the transition

rebuilding Central Asia's electricity grids for regional resilience

Download publication


Go to Publication


Lowitzsch, Jens ; Bucha, Monika ; Lonscher, Sarah

From access to ownership

energy communities & social inclusion in the EU's energy transition

Download publication


Go to Publication