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01.06.2026

Der organisierte Zweifel

Vertrauen gewinnen, bevor der Gegenwind einsetzt: Warum die Klimakommunikation neue Wege gehen muss

In den USA ist Desinformation inzwischen Teil der Regierungskommunikation geworden. In Russland gehört sie seit Jahren zum politischen Werkzeugkasten. Ein bevorzugtes Ziel in beiden Fällen: die Klima- und Energiepolitik Europas.

Dabei geht es oft gar nicht um die eine große Lüge; gezielt Zweifel wecken reicht. Irreführende Vergleiche, aus dem Zusammenhang gerissene Zahlen oder emotional aufgeladene Erzählungen sind entsprechend Mittel der Wahl. Diese Erzählungen kommen nicht nur nach Europa, sie zielen auch direkt auf Europa: angepasst und zugeschnitten auf lokale Konflikte. Verbreitet werden sie über soziale Medien, rechte Netzwerke und politische Akteure. Sie wissen genau, wie sich bestehende Spannungen rund um Energiepreise, Infrastrukturprojekte oder Klimaschutz politisch nutzen lassen.

Die Methoden variieren, die Wirkung bleibt gleich: Klimapolitik wird ausgebremst. Fossile Energien erscheinen als vermeintlich natürliche und vernünftige Wahl. Erneuerbare Energien und Clean Tech dagegen werden als zu teuer, zu überhastet, ineffektiv oder als Belastung für das einfache Volk dargestellt. Zum Instrumentenkoffer zählen die bekannten Feindbilder: urbane Eliten, fremde Mächte oder angeblich realitätsferne Experten. Je nach Land und Konflikt wird diese Erzählung jeweils neu verpackt und lokal angepasst.

Dass die Gefahr durch Desinformation kein abstraktes Risiko ist, zeigen zahlreiche Studien. Analysen des International Panel on the Information Environment (IPIE) etwa belegen, dass bereits kurze Kontakte mit Desinformation ausreichen, um Vertrauen in Klimapolitik zu schwächen. Untersuchungen von EU DisinfoLab zeigen zudem, wie Inhalte systematisch über verschiedene Plattformen und Sprachen hinweg verbreitet werden, um den Eindruck breiter öffentlicher Debatten zu erzeugen.

Und fehlendes Vertrauen bleibt nicht folgenlos. Analysen der Internationalen Energieagentur (IEA), der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie der Weltbank zeigen seit Jahren, dass politische Konflikte und sinkende gesellschaftliche Akzeptanz Infrastrukturprojekte verzögern, Investitionen riskanter machen und den Ausbau von Energie- und Stromnetzen erschweren. Klimapolitik wird selten frontal gestoppt – wesentlich häufiger bleibt sie einfach hängen. Die Wirkung ist oft die gleiche. 

Dass Desinformation inzwischen als strategisches Problem der Klima- und Energiepolitik verstanden wird, zeigt auch der Blick auf die internationale Ebene. Die letzte UN-Klimakonferenz COP30 etwa setzte das Thema bewusst prominent auf die Agenda. Gastgeber Brasilien brachte dabei eigene Erfahrungen ein: In den vergangenen Jahren nutzten Rechtspopulisten sowie Teile der Agrar- und Fossillobby gezielt Desinformation, um Konflikte rund um Entwaldung, Energiepolitik und Klimaschutz zu verschärfen und staatliche Maßnahmen zu delegitimieren.

Gemeinsam mit Partnern aus dem UN-Umfeld, darunter UNESCO, wurde deshalb die „Global Initiative for Information Integrity on Climate Change“ vorangetrieben. Der Begriff der Informationsintegrität mag sperrig klingen, der Gedanke dahinter ist jedoch einfach: Öffentliche Debatten sollen auf überprüfbaren Tatsachen beruhen – nicht auf gezielter Täuschung.

Dahinter steckt eine Erfahrung, die auch für Europa relevant ist. Wer Unterstützung für Klima- und Energiepolitik sichern will, darf Kommunikation nicht auf höhere und damit oft abstrakte Ziele reduzieren. Entscheidend sind vielmehr konkrete Antworten: Was kostet das? Wer hat was davon? Was bedeutet es für Haushalte, Unternehmen oder Kommunen? Je nachvollziehbarer diese Fragen beantwortet werden, desto schwerer lässt sich die Debatte mit Angst- oder Desinformationskampagnen kapern.

Gleichzeitig verändert sich dadurch der Umgang mit Desinformation selbst. Lange dominierte das sogenannte Debunking – also das nachträgliche Widerlegen von Falschbehauptungen. Doch wer nur reagiert, ist fast immer schon zu spät. Die zentralen Erzählungen der Bremser sind seit Jahren bekannt. Sie tauchen immer wieder auf, oft nur leicht verändert.

Inzwischen rückt entsprechend zunehmend ein gänzlich anderes Vorgehen in den Vordergrund: der vorbeugende Umgang mit Desinformation, neudeutsch als „Prebunking“ bezeichnet. Dabei geht es weniger darum, jede einzelne Behauptung im Nachgang zu widerlegen; die immer wiederkehrenden Muster werden vielmehr sichtbar gemacht. Warum werden bestimmte Zahlen selektiv ausgewählt? Warum werden falsche Gegensätze aufgebaut? Warum lenken scheinbar offene Fragen oft schon in eine bestimmte Richtung? Für diese Fragen werden Menschen sensibilisiert. 

Entscheidend ist dabei auch der Ort der Auseinandersetzung. Sichtbarkeit mag meist auf der großen nationalen Bühne entstehen. Meinungen allerdings bilden sich seltener dort. Wirkmächtiger sind konkrete Konflikte vor Ort: der Streit um einen Windpark, eine neue Stromtrasse oder die Frage nach der zukünftigen Wärmeversorgung. Dort setzen sich Zweifel fest – und dort muss deshalb Kommunikation frühzeitig ansetzen.

Das bedeutet allerdings nicht, Menschen schlicht zu erklären, sie seien Opfer von Desinformation. Das wirkt schnell belehrend und von oben herab und erzeugt entsprechend eher Abwehr. Entscheidend ist der Tonfall. Fragen und Unsicherheiten müssen ernst genommen werden, bevor sie sich verhärten.

In einer Bürgerversammlung sollte es deshalb nicht heißen: „Das ist ein typisches Narrativ der Gegner.“ Sinnvoller wäre: „Eine der ersten Fragen bei solchen Projekten ist immer, ob sich das am Ende lohnt und wer die Kosten trägt.“ Damit wird das Argument aufgenommen – aber nicht als Angriff, sondern als nachvollziehbare Sorge.

Der entscheidende Schritt folgt danach: konkrete Antworten. Was bedeutet das Projekt für den Strompreis? Für die Kommune? Für Arbeitsplätze oder Versorgungssicherheit? Wer diese Fragen nachvollziehbar beantwortet, entzieht vereinfachenden Erzählungen den Nährboden.

Damit ändert sich auch der Blick auf die entscheidenden Akteure. Nationale Botschaften von Ministerien oder prominenten Expertinnen bleiben häufig abstrakt. Vertrauen entsteht da, wo Menschen direkte und alltägliche Erfahrungen machen: in Kommunen, bei Stadtwerken oder bei denjenigen, die Projekte konkret umsetzen.

Gleichzeitig ist oft auch strategische Zurückhaltung geboten. Denn Desinformation lebt von Aufmerksamkeit. Wer jede Provokation öffentlich aufgreift, kann ihre Reichweite noch vergrößern – der „Streisand-Effekt“. Nicht jede Zuspitzung verlangt einen öffentlichen Schlagabtausch. Oft reicht es, Falschbehauptungen knapp einzuordnen, ohne sie zusätzlich zu verbreiten.

Anders sieht es allerdings aus, wenn gezielt Personen angegriffen werden. Wissenschaftlerinnen, Journalisten sowie lokale und zivilgesellschaftliche Akteure geraten zunehmend unter Druck. Einschüchterung gehört längst zur Strategie. Organisationen, Behörden und Medien brauchen deshalb klare Abläufe: Wer reagiert, wenn Angriffe eskalieren? Wer unterstützt Betroffene? Und wann wird bewusst nicht weiter auf Angriffe eingegangen? Ohne solche Vorbereitungen wird Kommunikation schnell konfus – und bleibt damit den orchestrierten Kampagnen der Gegenseite hoffnungslos unterlegen.

Desinformation ist heute höchst professionell organisiert. Die Antwort darauf kann deshalb nicht improvisiert sein. Entscheidend sind oft keine spektakulären Kampagnen. Entscheidend sind glaubwürdige Menschen, verständliche Antworten und Kommunikation, die beginnt, bevor der nächste Konflikt eskaliert. Wer die Energiewende gesellschaftlich absichern will, muss nicht nur Infrastruktur aufbauen – sondern auch Vertrauen. 

Die Autorin ist Claudia Detsch, Direktorin des Kompetenzzentrums Klima und soziale Gerechtigkeit.

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