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24.03.2026

Der Kulturkampf ums Windrad

Fossile Energie folgt der Logik des „drill“: Man(n) holt sie aus dem Boden und beherrscht sie. Windkraft wird dagegen als Macht inszeniert, die von außen kommt und Land und Leute unterwirft.

Warum ist es im Kulturkampf um Klima- und Energiepolitik ausgerechnet das Windrad, an dem sich der Zorn entzündet? Warum werden Rotoren bekämpft, während andere Formen der Energieerzeugung glimpflich davonkommen? Wer diesen Streit für eine technische Debatte hält, unterschätzt ihn gründlich. Denn hier geht es nicht um Strom – hier geht es um Deutungshoheit.

In politischen Auseinandersetzungen funktioniert der Rückgriff aufs Technische meist in Gegensätzen. Technologie wird zur Projektionsfläche für Erwartungen - oder eben für Abneigungen. Neutral erscheint Technologie in den Augen des Betrachters jedenfalls fast nie. Entweder sie bedroht alles Vertraute. Oder sie verheißt Rettung. Dazwischen bleibt wenig Raum - schon gar nicht in einem kulturell derart aufgeladenen Feld wie der Energiepolitik. Denn wer mobilisieren will, braucht klare Bilder. 

Das Windrad erfüllt diese Rolle perfekt. Es ist groß und kilometerweit zu sehen – selbst nachts. Es ist metallgewordene Klimapolitik; keine abstrakte Kennziffer, sondern etwas, das (neu) in der Landschaft steht und bleibt. Genau deshalb wird es zum politischen Symbol – und zur Zielscheibe vor allem der Rechten. Denn rechte Mobilisierung gelingt umso besser, je mehr sie auf bekannte Framings zurückgreifen kann – gegen Eliten, gegen (Groß)Städter und Kosmopoliten, gegen den Staat. 

Politikwissenschaftliche Studien (z.B. von Dechézelles & Scotti oder Radtke & Löw-Beer) zeichnen dieses Muster inzwischen für Konflikte um Windkraft in mehreren europäischen Ländern nach. Besonders wirkungsvoll sind dabei Konflikte, die sich als vom liberalen Staat aufgezwungen darstellen lassen – als Eingriff „von außen“. Denn Windkraft steht nicht nur für Technik. Sie steht auch für umfassende Planungen, für Genehmigungsverfahren und für staatliches Eingreifen. Damit ist sie politisch verwertbar für die politische Polarisierung. 

Die aufgestachelte Empörung folgt dabei klaren politischen Linien. Autobahnen etwa gelten dem rechten Lager als Symbol des Fortschritts und Garant der persönlichen Freiheit. Zwar zerschneiden auch sie Landschaften und versiegeln Flächen. Aber es sind die Windräder, die zur Provokation erklärt werden. Wer eben noch den Autobahnausbau verteidigt, entdeckt plötzlich die Natur – allerdings nur dort, wo sie sich gegen erneuerbare Energien in Stellung bringen lässt. Dieser selektive „Naturschutz“ ist kein Widerspruch, sondern Strategie. Und er dient seit Jahrzehnten den Interessen fossiler Geschäftsmodelle.

Untersuchungen aus Europa und den USA – etwa vom Climate and Development Lab der Brown University – zeigen, wie von fossilen Interessen unterstützte Netzwerke und rechte Thinktanks gezielt Anti-Windkraft-Narrative aufgebaut haben: als scheinbar lokale Proteste, als „Bürgerinitiativen“, als Sorge um Natur, Gesundheit oder Freiheit. Was nach Graswurzel aussieht, ist oft sorgfältig orchestriert. Das passt ins Bild. Denn der Angriff auf die Energiewende verläuft heute selten über die offene Leugnung des Klimawandels. Sie verläuft über den systematischen Angriff auf ihre sichtbarsten Lösungen.

Und von diesen Lösungen bieten sich einige besser zum Angriff an als andere. Anders als die Windkraft steht Solar etwa selbst bei vielen Rechten hoch im Kurs, wie der Blick beispielsweise nach Ungarn zeigt. Solartechnik lässt sich aneignen. Ob auf dem Dach oder am Balkon - sie gehört einem. Man kann den Strom selbst nutzen und sogar Geld damit verdienen. Das erschwert naturgemäß den Aufbau eines Bedrohungs-Framings. 

Windräder gehören fast immer anderen. Ihr Nutzen ist wesentlich abstrakter - ihr Anblick dagegen sehr konkret. Der Strom fließt in die Städte - die Türme stehen auf dem Land. Dazu kommen Verteilungskämpfe. Der eine Bauer verdient gut, weil er seine Wiese verkaufen konnte. Der andere nicht. Hier entsteht Neid statt Akzeptanz.

Windräder lassen sich gezielt politisieren und in Erzählungen über Heimat, Landschaft und Anti-Eliten-Politik einbauen. Studien wie die des Dresdner Forschers Manès Weisskircher zeigen, dass rechtspopulistische Parteien von lokalen Konflikten um Windräder profitieren. Klimaschutz wird als Bedrohung für den Lebensstil oder den Wohlstand dargestellt. 

Fossile Unternehmen und ihnen nahestehende Thinktanks haben genau dort investiert, wo der wirtschaftliche Schaden am größten ist. Die kulturelle Aufladung der Debatte dient dabei einem sehr nüchternen Zweck: Sie verschiebt den Konflikt von Marktanteilen und Profiten hin zu Identität, Heimat und Angst.

Windräder eignen sich zudem besonders gut für die emotionale Überhöhung, ohne die Polarisierung nicht auskommt. In rechten Erzählungen taucht dabei immer wieder eine auffällig sexualisierte Sprache auf. Die Landschaft wird verletzt, entstellt oder gar „vergewaltigt“. Die Heimat erscheint als weibliches Opfer eines äußeren Angriffs.

Das ist kein rhetorischer Ausrutscher. Die Technik wird hier in einen körperlichen Konflikt übersetzt. Aus Infrastruktur wird Gewalt, aus Energiepolitik eine Bedrohung der eigenen Welt. Genau diese Bildsprache verbindet Angst, Empörung und Opfererzählungen – und macht das Windrad zum idealen Feindbild: Das Windrad vergewaltigt in dieser Erzählung die Landschaft. Mehr Bedrohung der Heimat geht kaum.

Dem steht das Bild fossiler Energie gegenüber, das in rechten Erzählungen auffallend positiv besetzt ist. Hier dominiert eine Form der sogenannten Petro-Maskulinität – die Politikwissenschaftlerin Cara Daggett prägte den Begriff für die Verbindung von fossiler Energie, Männlichkeitsbildern und autoritären Politikvorstellungen. Die fossile Energiegewinnung erscheint als archaischer Akt: Man holt etwas aus dem Boden, mit Kraft, mit Maschinen, mit Schmutz. Drill, baby, drill! Dieses Bild passt gut zu einem Weltverständnis, in dem Natur etwas ist, das beherrscht, durchdrungen und nutzbar gemacht wird. 

Während fossile Energie als etwas erscheint, das man sich aneignet, wird Windkraft als etwas dargestellt, dem man ausgesetzt ist. Damit wird auch klar, warum der Streit um Windkraft so zuverlässig eskaliert. Er bündelt ökonomische Interessen, kulturelle Deutungen und politische Mobilisierung in einem einzigen Symbol. Genau deshalb ist das Windrad mehr als Energieinfrastruktur – es ist ein politisches Schlachtfeld.

Die Autorin ist Claudia Detsch, Direktorin des Kompetenzzentrums Klima und soziale Gerechtigkeit.

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