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09.03.2026

Backlash ist schlecht fürs Geschäft

Die Abwicklung der Gleichstellung ist ein wirtschaftliches Eigentor. Wer Chancengleichheit und Qualifizierung als woke Beiwerke abtut, gefährdet Europas Zukunftsfähigkeit.

Der rechte Backlash ist in Europa angekommen. Im vorauseilenden Gehorsam gegenüber Washington und unter dem Druck rechtspopulistischer Kampagnen werden progressive Vorhaben hastig abgewickelt. Klimaneutraler Umbau? Zu teuer. Unternehmensverantwortung? Zu bürokratisch. Gleichstellung? Zu ideologisch.

Doch es geht hier nicht um Ideologie. Es geht um Standortpolitik. Wer Chancengleichheit, gute Ausbildung und faire Arbeitsbedingungen zur Nebensache erklärt, schwächt Europas Wettbewerbsfähigkeit.

Es ist sinnvoll, Berichtspflichten zu verschlanken - Europa hat es da mitunter übertrieben. Aber derzeit legen wir die Axt an die eigenen Stärken. Das wird uns ökonomisch auf die Füße fallen. Ein Blick auf den Arbeitsmarkt genügt.

Noch vor Kurzem galt der Fachkräftemangel als größtes Risiko für Energie- und Industriewende. Es fehlten Hände, Köpfe, Kompetenzen. Plötzlich richtete sich der Blick auf das weibliche Arbeitspotenzial. Mehr Frauen in Technik, Industrie, Energie – das war keine woke Idee, sondern nüchterne Ökonomie. Dieses Potenzial durfte nicht länger brachliegen.

Heute scheint es wieder salonfähig, genau dieses Potenzial in den Dornröschenschlaf zu schicken. Stellenabbau verdrängt den Fachkräftemangel aus den Schlagzeilen. Gleichstellung rutscht nach unten – oder gleich auf die Giftliste der Konservativen.

Beschäftigte stehen im neoliberalen Grundrauschen offenbar wieder unter Generalverdacht. Teilzeit etwa gilt als mangelnder Ehrgeiz. Es müsse „mehr gearbeitet“ werden. Über die Strukturreformen, die das ermöglichen würden – bessere Betreuung, flexiblere Arbeitsmodelle, gezielte Qualifizierung –, spricht aber dagegen kaum jemand. Kinderbetreuung wird nicht ausgebaut, Karrierehürden nicht systematisch abgebaut. Das weibliche Arbeitspotenzial soll liefern – aber bitte ohne bessere Rahmenbedingungen zu fordern.

Gleichzeitig verschiebt sich die Debatte um Qualifikation. In Zeiten von KI verliert die klassische Uni-Karriere ihren bisherigen Vorrang. Eine daraus folgende Aufwertung von Handwerk und Ausbildung wäre richtig und überfällig. Doch wenn wir nur Abschlüsse neu sortieren und Rollenbilder bestehen bleiben, landen wir bei alten Mustern: Mädchen in soziale Berufe, Jungs in Technik. Das wäre ein Rückschritt – und wirtschaftlich fahrlässig.

Gerade jetzt müssten Qualifizierung und Weiterbildung im Zentrum stehen. Stattdessen wirkt die Debatte müde. Doch wer heute nicht investiert, zahlt morgen den Preis. Es wird viel über Wettbewerbsfähigkeit gesprochen. Natürlich muss Europa stärker werden. Aber unsere größte Stärke werden nie Subventionen oder Zölle sein, sondern immer die gut ausgebildeten Menschen.

Wir müssen uns nicht auf einen Wettlauf nach unten einlassen. Der ist für Europa ohnehin nicht zu gewinnen. Und wer wollte das auch? Unsere Antwort liegt in Innovation, Qualifikation und Weiterbildung. Das sichert Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft.

Neben Wettbewerbsfähigkeit ist Resilienz das Zauberwort der Stunde. Zu Recht, denn uns wird derzeit unsere Verwundbarkeit schmerzhaft vor Augen geführt. Doch Resilienz wird oft technisch verstanden: Netze, Speicher, Produktionskapazitäten. Alles richtig. Alles notwendig. Aber eben nicht ausreichend. Innovation und Technik funktionieren nur so gut wie die Arbeitsmärkte, auf denen sie aufbauen.

Europa altert weiter. Und die aktuelle Krise macht es nicht weniger, sondern umso dringlicher, den digitalen und klimaneutralen Umbau voranzutreiben. Sonst sehen wir wirklich alt aus – und werden wirtschaftlich abgehängt. Frauen aber sind bisher unterrepräsentiert in genau jenen Bereichen, die für diesen Umbau zentral sind: Technik, Industrie, Digitalisierung, Energie. Das ist schlecht für die Frauen – und schlecht für Europa.

Klimaneutralität hängt am technologischen Fortschritt. Die Energiewende zieht in jeden Haushalt ein. Alltagserfahrungen gehören in Entwicklung und Design. Wo Ingenieurinnen mitentwickeln, erweitern sich Perspektiven. Vielfalt ist kein Feigenblatt, sondern Innovationsfaktor.

Energie-, Industrie- und Digitalpolitik greifen enger ineinander. Wer diesen Umbau gestalten will, braucht Kapital und Technologie – aber vor allem Menschen mit vielfältigen Kompetenzen.

Wir stehen vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits gilt es, den industriellen Kahlschlag abzuwehren und Europa wirtschaftlich wehrhafter zu machen. Andererseits dürfen wir dabei nicht in alte Muster zurückfallen. Wir müssen gezielt jene Bereiche stärken, die wir in Europa halten und ausbauen wollen – die Zukunftsbranchen, allen voran Clean Tech. Sie lassen sich nicht allein mit Kapital sichern. Sie brauchen qualifizierte, beteiligte, ernst genommene Beschäftigte. Resilienz entsteht nicht durch Abschottung, sondern durch Stärkung eigener Fähigkeiten.

In strategischen Bereichen wird mehr europäische Wertschöpfung nötig sein. Immerhin kämpfen die Mitbewerber bereits mit diesen Manschetten. Wir brauchen kluge Instrumente, denn mit einem grobschlächtigen Protektionismus könnten wir viele Partner vergraulen, auf die wir zugleich angewiesen sind. Deshalb rücken qualitative Kriterien in den Fokus: Arbeitsbedingungen, Weiterbildung, ökologische Standards. Wer Industrien mit Steuergeld stützt, darf soziale Rechte nicht schleifen. Tarifbindung ist kein Luxus, sondern Standortfaktor.

Ein zentrales Instrument dafür ist die öffentliche Beschaffung. Der Staat ist einer der größten Nachfrager. Was er einkauft, prägt Märkte – Technologien, Produktionsstandorte und Arbeitsbedingungen.

Über Vergabekriterien lässt sich steuern, ob Unternehmen in Weiterbildung investieren, Tarifbindung einhalten und Fachkräfte systematisch entwickeln. In der Praxis jedoch dominieren Vorsicht und Bürokratieangst. Soziale Kriterien gelten als kompliziert, Gleichstellung als Zusatzanforderung.

Das ist kurzsichtig. Wenn öffentliche Mittel Industrie stärken sollen, müssen sie auch in die Menschen investieren, die diese Industrie tragen. Local content ohne Qualifizierung verfehlt den Kern. Wer Gleichstellung, Weiterbildung und Arbeitsmarktpolitik aus der Industriepolitik ausklammert, schwächt Europas Handlungsfähigkeit.

Und das beginnt nicht erst bei Förderrichtlinien. Ein Beispiel zum 08. März: Für meinen eigenen weiblichen Nachwuchs habe ich einen Ferienkurs zu Technik und Digitalem gesucht, der auch Nicht-Nerds anspricht. Gefunden habe ich Angebote für die ohnehin Begeisterten. Die anderen werden eher abgeschreckt als eingeladen.

So gewinnen wir keine neuen Fachkräfte. So erreichen wir nur die, die ohnehin kommen. Das reicht nicht.

Wenn wir es ernst meinen mit Technik, Industrie und Energie, brauchen wir niedrigschwellige Angebote. Mehr frühes Ausprobieren. Mehr aktive Ansprache – auch durch Unternehmen selbst. Das wäre kluge Standortpolitik.

Autorin: Claudia Detsch, Direktorin, FES Kompetenzzentrum Klima und Soziale Gerechtigkeit

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