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11.03.2026

Ausgebremst

Zwischen Lobbyismus, Desinformation und geopolitischen Interessen entsteht ein Klima des permanenten Zögerns.

So schnell kann es gehen. Den Absturz vom Olymp erleben nicht nur Politiker oder Popstars. Auch politische Themen kennen Höhenflüge – und massiven Gegenwind. Bestes Beispiel: die Klimapolitik. 

Dort greift inzwischen eine erstaunlich erfolgreiche Strategie: nicht das offene Nein, sondern das permanente „Noch nicht“. Erst bessere Technologien. Erst globale Lösungen. Erst wirtschaftliche Stabilität. Jede einzelne Forderung klingt plausibel. In der Summe verschiebt sie Entscheidungen – oft über Jahre.

Der Stimmungswechsel kam erstaunlich schnell. Noch vor wenigen Jahren schien der politische Rückenwind groß. Wissenschaftliche Warnungen und spürbare Veränderungen vor der eigenen Haustür verstärkten sich gegenseitig. Die Freitagsmärsche lieferten Bilder, die kaum zu ignorieren waren. Wer grundlegende Ziele infrage stellte, hatte es schwer.

Heute ist der Ton ein anderer. Inflation, wirtschaftliche Stagnation und geopolitische Spannungen drängen sich nach vorn. Prioritäten verschieben sich. Das ist normal. Politik lebt vom Wettbewerb der Interessen.

Und doch wäre es naiv, die veränderte Stimmung allein mit einem neuen Krisenranking zu erklären. Gerade in der Klimapolitik lässt sich derzeit gut beobachten, wie klassischer Lobbyismus und Desinformation wirken – mit unterschiedlichen Mitteln, aber teils ineinandergreifend. Klimapolitik ist kein rein technisches Projekt. Sie ist auch ein Feld organisierter Einflussnahme.

Lobbyismus hat keinen guten Leumund. Dabei gehört er zur Demokratie. Unternehmen, Branchenverbände, zivilgesellschaftliche Organisationen versuchen, politische Entscheidungen in ihrem Sinne bzw. im Sinne ihrer Mitglieder zu beeinflussen. Sie liefern Gutachten, formulieren Änderungsvorschläge, führen Gespräche mit Abgeordneten, begleiten Gesetzgebungsverfahren. In der Klimapolitik geht es um enorme wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen und Weichenstellungen. Dass hier intensiv gerungen wird, überrascht nicht.

Einflussnahme endet dabei nicht im Parlament. Sie richtet sich ebenso an die Öffentlichkeit. Kampagnen setzen Themen, Studien liefern Argumente, Begriffe prägen Debatten. Sprache entscheidet mit darüber, was als vernünftig gilt.

Richtig problematisch wird es dort, wo sich die Logik ändert. Wenn es nicht mehr darum geht, ein Gesetz zu verbessern oder eine Regulierung abzuschwächen – sondern darum, Zweifel systematisch zu vergrößern und Vertrauen zu unterminieren. Hier ist Desinformation am Werk. Sie gehört nicht zur Demokratie – im Gegenteil, sie gefährdet sie. 

Die Spielwiese der Desinformation sind die sozialen Medien. Plattformlogiken belohnen Polarisierung und Emotion. Solche Inhalte werden häufiger geteilt – und wirken dadurch relevanter, als sie sind. So entsteht schnell der Eindruck gesellschaftlicher Mehrheiten, obwohl oft nur eine laute Minderheit spricht.

Nicht jeder Einwand ist Desinformation. Kostenfragen, Verteilungswirkungen oder technische Details gehören zur politischen Debatte. Werden Unsicherheiten aber bewusst überhöht, Zusammenhänge ausgeblendet oder Gegenargumente diskreditiert, verschiebt sich die gesamte Debatte.

Die Debatte um das sogenannte „Heizungsgesetz“ hat das deutlich gezeigt. Aus einem zugegeben unnötig komplexen und schlecht kommunizierten Gesetz wurde binnen kurzer Zeit ein Symbol staatlicher Enteignung. In sozialen Netzwerken kursierten Behauptungen von einem drohenden Geräteaustausch quasi über Nacht. Der damalige Wirtschaftsminister stand sinnbildlich bereits im Heizungskeller. Tatsächlich vorgesehene Übergangsfristen, Förderprogramme und Ausnahmen spielten dagegen kaum noch eine Rolle. Die Empörung war wesentlich größer als der Gesetzestext.

Ähnlich bei der Strompreisdebatte. Häufig wird suggeriert, die Energiewende sei der Haupttreiber steigender Preise. Tatsächlich bestimmt im europäischen Strommarkt meist das teuerste noch benötigte Kraftwerk – häufig ein Gaskraftwerk – den Preis. Als infolge des russischen Angriffskriegs die Gaspreise explodierten, zogen auch die Strompreise an. Erneuerbare Energien wirken in diesem System tendenziell sogar preisdämpfend. Die Erzählung macht sie dennoch zum Schuldigen.

Oder die Behauptung, Wärmepumpen funktionierten im Winter nicht ausreichend. In Skandinavien sind sie seit Jahren Standard – ausgerechnet dort, wo es besonders kalt wird. Dieser Aspekt geht in der Debatte allerdings meist unter. Aus berechtigten Fragen zu einer vergleichsweise neuen Technologie wird gezielt ein genereller Zweifel an ihrer Tauglichkeit konstruiert.

Solche Dynamiken bleiben nicht auf nationale Akteure beschränkt. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine sind zahlreiche Versuche dokumentiert, energiepolitische Debatten in Europa gezielt zu beeinflussen. Narrative über „Energiearmut durch Sanktionen“, drohende „Deindustrialisierung“ oder wirtschaftlichen Niedergang durch Klimapolitik liegen im russischen Fossilinteresse – und werden entsprechend verstärkt.

Rechtspopulistische Akteure greifen solche Botschaften auf, passen sie an nationale Bedingungen an und treiben sie weiter. Aus Energiepolitik wird Identitätspolitik. Aus konkreten Reformen werden Symbolkämpfe.

Lobbyismus operiert innerhalb eines Systems, dessen Spielregeln er nutzt – Desinformation greift diese Spielregeln an. Und doch wirken sie oft zusammen. Lobbyismus liefert Argumente und Narrative. Desinformation radikalisiert sie und macht sie viral. Umgekehrt kann Desinformation ein Klima schaffen, in dem bestimmte Lobbypositionen leichter durchgehen.

Doch während Lobbyismus politische Entscheidungen beeinflussen will, greift Desinformation tiefer. Sie zielt auf das Vertrauen selbst. Ziel ist kein besserer Vorschlag und kein überzeugenderes Argument. Ziel ist Zweifel. Wenn Klimawissenschaft, Medien oder staatliche Institutionen als grundsätzlich unglaubwürdig erscheinen, wird jede politische Entscheidung verdächtig – egal, worum es konkret geht.

Die Folge ist ein Zustand wachsender Unsicherheit. Vertrauen schwindet – in Wissenschaft, Medien und staatliche Institutionen. Genau davor warnen Forschungseinrichtungen wie das International Panel on the Information Environment (IPIE). Wenn selbst grundlegende Fakten umstritten scheinen, wird politische Entscheidungsfindung insgesamt schwieriger.

Besonders deutlich wird das beim permanenten „Noch nicht“. Immer neue Zweifel, angeblich bald verfügbare Technologien oder überzeichnete Risiken sorgen dafür, dass Entscheidungen vertagt werden. Jeder Aufschub erhöht jedoch die politischen Kosten späteren Handelns – und macht ambitionierte Maßnahmen immer unwahrscheinlicher.

Wenn aus jeder Reform eine ideologische Grundsatzfrage wird und aus jeder Unsicherheit ein Dauerzweifel, bleibt am Ende ein permanentes „Noch nicht“. Und das reicht, um Politik wirksam auszubremsen – und mit ihr die Fähigkeit, die Gegenwart zu gestalten und sich für die Zukunft zu wappnen.

Die Autorin ist Claudia Detsch, Direktorin des Kompetenzzentrums Klima und soziale Gerechtigkeit.

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